Eine vermeintlich glückliche Familie… marry and reproduce!

Momentan habe ich endlose Freizeit auf der Couch, wie schon erwähnt. Fürs Lesen fehlt mir noch die innere Ruhe, es arbeitet noch zu sehr unter der Oberfläche wegen der Traumata durch die Operationen, die ich absolviert habe. Nachdem ich alle Weihnachtsfilme geguckt hatte, auch Ein Prinz zu Weihnachten Ein Hund zu Weihnachten Ein Engel zu Weihnachten Schnee zu Weihnachten Verrückte Weihnachten Stille Weihnachten Laute Weihnachten Ein König zu Weihnachten Post zu Weihnachten Ein Opa zu Weihnachten Eine Familie zu Weihnachten Liebe Zu Weihnachten Hochzeit zu Weihnachten, usw. suchte ich eine Serie, die gewaltlos ist und friedlich.

Schliesslich stiess ich auf einen Channel, der alte Serien zeigt. „Ich heirate eine Familie“ wird dort angeboten, eine Serie aus dem 80er Jahre Vorabendprogramm, meine ich jedenfalls. Kann mir kaum vorstellen, dass die sowas zur besten Sendezeit gezeigt haben. Ausschliessen will ich das jedoch nicht … Ich weiss noch, dass meine Mutter das immer guckte, und ich auch. Das war die Vor-RTL-Zeit, schätze ich, und die Auswahl entsprechend nicht vorhanden, nur 1.,2. und 3. Programm (für die unter euch, die noch zu jung sind, um die Anfänge des TV-Wahnsinns noch zu kennen).

Ich fand das zunächst ganz lustig, weil die alten 80er Klamotten und Gegenstände gezeigt werden, und ich staunte, wie wir damals rumliefen und wie die Wohnungen aussahen, wie der Flughafen (wie eine Plastiknachbildung eines echten Flughafens). Es gab keine Handys, nur Telefone mit Wählscheibe, und die Kinder hörten Cassetten und nahmen von Schallplatten auf Cassette auf. Anschnallpflicht gab es nicht, jedenfalls nicht für die heilige Familie, die dort in der Serie präsentiert wird. Deren Mutter endloses Glück hatte, weil sie spät und mit drei Kindern noch den perfekten Mann abgestaubt hat, denn vorher allein war sie nicht glücklich, wie sie mehrfach im Verlauf der Folgen betont. Wie sollte eine Frau auch ohne Gatten glücklich sein? Gelle.

Nach wenigen Folgen war die Marschroute offensichtlich: Marry and reproduce! Consume! (Ich verweise zu Studienzwecken auf den Film „Sie leben!“) Auf gut deutsch: Heiratet und vermehrt euch! Konsumiert! Ich würde noch ergänzen: Fresst!

Denn in dieser Familie dreht sich alles um Kochen, Essen, Fremdgehen, Heiraten, Urlaube und Anschaffungen, Mode und Geldverdienen. Es war der Geist der Nachkriegszeit, der dort hindurchwehte: endlich wieder was zu essen, endlich wieder Wohlstand! So wollen sie uns haben… Unsere Gedanken sollen um exakt die oben genannten Themen kreisen, heute noch. Und bloss nicht um irgendwas anderes!

Natürlich betont der Familienvater an einer Stelle ziemlich zu Beginn der Serie: Wir sind zwar nicht reich… (Sie haben ein grosses Haus gekauft, er fährt Porsche, sie hat einen Zweitwagen, man hat massive Möbel nicht Ikea, und eine Haushälterin ist vorhanden. In späteren Folgen wird das (dann gerade etwas lästige) Baby der Haushälterin überlassen, während Familie Rotz in Urlaube abdampft. Unfasslich!)

Es wird kein Wort über Weltgeschehen, Politik, geschweige denn Philosophie oder, wer ist das? GOTT verloren. Als der Hamster des Sohnes stirbt, sah ich die Chance für endlich mal ein gehaltvolles Gespräch nahen! Doch was taten die feinen Eltern? Was meine auch immer taten: Sie verschwiegen es dem Kind und logen es stattdessen an. Bloss nicht den eingelullten Zuschauer aufstören! Der sich und seine achso wichtigen materiellen Probleme doch so wunderbar gespiegelt sieht.

Schöne neue Welt! Dies Jahr Urlaub, nächstes Jahr wieder eine grosse Anschaffung, immer abwechselnd. Dazu an jedem Abend Alokohol, und immer, wenn Besuch kommt, ganz klar, und abends am Abendbrottisch trinken die Eltern Bier. Mir ist der eklatante Alkoholkonsum der Vorzeigeeltern sehr unangenehm aufgefallen. Liegt vielleicht daran, dass ich mit einer Alkoholikerin aufwachsen musste. Sowas wird heute nicht mehr gezeigt, oder? Ich kann da gottlob nicht mitreden, mangels TV-Gerät. Ich höre aus den Aussagen anderer heraus, dass der Konsum und Reichwerde-Gedanke eher im Vordergrund steht? Kochen und Fressen wurde ja auf separate Sendeformate outgesourced. Nun, der eine oder die andere von euch wird das eher beurteilen können, sofern bei euch noch TV geschaut wird.

Die Mutter der Familie ist immer dynamisch und flott angezogen und läuft auch zu Hause in der Küche stets top gestylt und mit Pömmps herum, klapper klapper. Beim Kochen! Wie bescheuert ist das denn bitteschön? Sie ist stets wie aus dem Ei gepellt, und als sie spät nochmal schwanger wird (reproduce!), damit die späte zweite (für ihn bereits dritte) Ehe legitimiert wird (marry!), da sieht sie aus wie ein himmelblaues Knallbonbon. Nun, so waren sie, die Eighties. Das beste war der lange weisse Faltenrock (Sie trägt nen Faltenrock – ich geh am Stock) mit der xxl-langen bunten Bluse darüber.

Doch das Gruselige kommt erst jetzt: Ich kenne einige Familien, die sich auch heute noch, 2019, in exakt dem oben aufgezählten Gedankengut bewegen, bei denen Essen essen essen im Vordergrund steht, Alkohol ein Muss ist, Urlaube und Anschaffungen sich abwechseln, jenseits von wirklich wichtigen Themen. Ohne einen GOTT. Wer braucht den schon, wenn die Kasse stimmt?

Am Ende ihres Lebens haben sie alles erfolgreich absolviert: geheiratet, reproduziert, Anschaffungen angehäuft, eine Immobilie mit Grundstück ergattert, Urlaube gemacht, immer sehr gut gegessen. Toll! Doch keine Sorge, vielleicht wird die nächste Inkarnation besser. Sehr wahrscheinlich sogar, denn irgendwann muss das grosse Lernen und Aufwachen beginnen.