Tumor-OP – das grössere Bild. Und die Reaktionen der anderen.

Mir gehts wesentlich besser, der Rücken erholt sich im Rekordtempo, seit ich mir eine Infrarotlampe besorgt habe. Husten geht auch wieder.

Dennoch habe ich eine überaus merkwürdige Empfindung dem Körper gegenüber, denn ich habe nicht denselben mit nach Hause bekommen, den ich ins Krankenhaus hingebracht hatte. Dieser hier sieht anders aus (einige Kilos abgenommen), hat blaue Flecken und Löcher und sechs neue Bauchnarben, und er reagiert anders als ich es immer gewohnt war. Und das dauernde Pupsen, also das entspricht eigentlich nicht meinem Bild von mir selbst. Doch es muss sein. Egal, was ich esse, alles schmeckt nach Schmerzmittel, wobei ich dabei bin, die Dosis eklatant zu reduzieren. Seltsam, was alles so vor sich geht.

Noch seltsamer sind jedoch die Reaktionen meiner Umgebung auf all das hier.

Wie wenig die meisten mich kennen, beweisen sie mit Aussagen wie „Jetzt kümmer dich einfach mal um das, was dir wichtig ist!“ oder „Du musst kein schlechtes Gewissen haben, wenn du jetzt auf der Arbeit ausfällst.““ Natürlich habe ich diese Themen schon vor Jahren durchgearbeitet, doch man hat sich ja nie für den crazy Zauber interessiert, den die Katrin da veranstaltet, irgendwas Esoterisches eben…

Der Neid, der mir lebenslang von anderen entgegengebracht wurde, blüht jetzt in den unfasslichsten Blüten. Jemand meinte, dass ich beneidenswert schnell in sehr kurzer Zeit sehr viel abgenommen habe und der wunderbaren Grösse 38 ja nun nicht mehr fern sei.

Ja, ich musste zweimal bis vor den Kreislaufkollaps abführen und konnte nach einer Bauch-OP tagelang nur Wasser und Brühe zu mir nehmen, die nervliche Anspannung hat mir seit nun vier Wochen den Appetit verhagelt, und bis heute kämpfe ich allmorgendlich, um 2 Scheiben Toast aufzukriegen, das war also wirklich alles ganz einfach und man kann mich tatsächlich beneiden. *Ironie aus*.

Dann wurde geäussert, jetzt hätte ich eine tolle Auszeit nebenbei, bis Frühling, wow, wie toll.

Ja, nebenbei ein bisschen Chemo und so, aber Hauptsache frei, nicht wahr. *Ironie aus*.

Da spricht natürlich jemand laut aus, was er im Leben gern für sich selbst anders hätte, sich aber nicht traut, Schritte dorthingehend zu ergreifen (wegen Geld… tue nichts wegen Geld, lasse nichts wegen Geld … siehe die Merksätze…)

Der Gipfel geschah gestern – und da war sogar ich sprachlos für zwei geschlagene Sekunden: Jemand der mitbekommen hatte, dass ich mir derzeit für beinahe jeden Handgriff im Haushalt Hilfe ranholen muss, sagte zu mir, Wenn ich sehe, was du alles bekommst, mensch dann will ich das auch haben was du hast!

Also einen sog. bösartigen Tumor im Darm, der mit Bauchschnitt von 11 cm rausgeheckselt werden muss und eine weitere Behandlung mit Chemotherapie nach sich zieht. Ich fragte die Person, ob sie ihre letzte Aussage noch einmal überdenken möchte.

Natürlich beneiden die mich, doch sie wissen gar nicht, was es genau ist, was sie so gern hätten. Es ist die Anbindung nach OBEN, also nach INNEN, die diesen Leuten fehlt und die sie an mir wittern und nicht greifen können. Mir jedenfalls fällt auf, dass sich mir die letzten Gesichter auch noch ohne Masken präsentieren, die es in den letzten dreizehn Jahren noch nicht getan hatten. Mir muss niemand mehr etwas vorspielen. Jetzt schon gar nicht mehr.

Dieselben Leute, denen die Figur wichtiger ist als alles andere, wehrten denn auch in Telefonaten meine Ansätze ab, den bisher zurückgelegten schweren Weg zu würdigen. Ich hub an mit den Worten, Wenn ich zurückblicke habe ich echt eine schwere Strecke gehabt, hier im Krankenhaus, und -“   „Neinneinnein so darfst du gar nicht erst denken, nein nein nein, denk nicht mal dran!“ und das Thema wurde gewechselt. Arme Sau, dachte ich. Vor Jahren habe ich schon einmal einen Artikel über die notwendige Würdigung des Schweren geschrieben, im Zusammenhang mit einem Text von Rilke. Rilke hat an einigen Stellen über das Schwere, Ernste im menschlichen Leben geschrieben. Zitate:

Die Ansprüche, welche die schwere Arbeit der Liebe an unsere Entwicklung stellt, sind überlebensgroß, und wir sind ihnen, als Anfänger, nicht gewachsen. Wenn wir aber doch aushalten und diese Liebe auf uns nehmen als Last und Lehrzeit, statt uns zu verlieren an all das leichte und leichtsinnige Spiel, hinter dem die Menschen sich vor dem ernstesten Ernst ihres Daseins verborgen haben, – so wird ein kleiner Fortschritt und eine Erleichterung denen, die lange nach uns kommen, vielleicht fühlbar sein; das wäre viel.

und

Was von uns verlangt wird, ist, dass wir das Schwere lieben und mit dem Schweren umgehen lernen. Im Schweren sind die freundlichen Kräfte, die Hände, die an uns arbeiten. Mitten im Schweren sollen wir unsere Freuden haben, unser Glück, unsere Träume; da, vor der Tiefe dieses Hintergrunds, heben sie sich ab, da sehen wir erst, wie schön sie sind. Und nur im Dunkel der Schwere hat unser kostbares Lächeln einen Sinn; da leuchtet es erst mit seinem tiefen, träumenden Licht, und in der Helligkeit, die es für einen Augenblick verbreitet, sehen wir die Wunder und Schätze, von denen wir umgeben sind.

(Briefe an einen jungen Dichter)

Für mich besteht das grössere Bild darin, dass mein erster Krankenhausaufenthalt anno 1977, der einen sehr massiven Programmierungs-Grundsatz in mir gefestigt hatte, 1:1 nachgestellt wurde, damit das damalige Trauma reaktiviert wurde und ich so an diese Glaubensirrtümer herankam, die mir nicht mehr deutlich genug bewusst waren. Damals wurde ich 14 Tage wegen einer Blinddarm-OP behandelt, exakt dem gegenüberliegend befand sich aktuell der Tumor. Eine spiegelbildliche OP beinahe. Weil niemand mehr 14 Tage im Krankenhaus bleibt wegen einer Bauch-OP, wurde stattdessen eine knappe Woche vorgeschaltet, in der ich täglich Untersuchungen hatte, CT und all sowas, so dass wir in der Summe auf 13 Tage kamen. Wie GOTT das eben alles so hinkriegt … Die Einzelheiten deckten sich ebenfalls 1:1, doch das würde hier zu weit führen. Als ich sieben war, konnte ich das Schwere noch nicht würdigen, doch jetzt kann ich es. Ich habe eine furchtbare Zeit hinter mir und beschönige das nicht. Dennoch ist der Tag der Diagnose gerade mal vier Wochen her; GOTT hat ein enormes Tempo an den Tag gelegt.

Mir war also die ganze Zeit schon klar, wozu das alles dient. Es hängen weitere kleinere Katastrophen von einst (andere OPs usw) thematisch mit daran, so dass in einem grossen Rundumschlag viele unerledigte Traumageschichten zu Ende bearbeitet werden können. So langsam kommen meine Kräfte zurück und ich kann diese Arbeit mit Ihm zusammen tun. Hier bewahrheitet sich wieder einmal der Merksatz:

Jede Krankheit dient der GESUNDUNG.

Wer mag, kann sich den Satz noch ergänzend in das Büchlein hineinschreiben; ich meine, ihn nicht mit aufgeführt zu haben. Na guckt halt selbst nach.)

Eine Lektion aus dem Krankenhausaufenthalt ist, dass es im menschlichen Leben nicht ums Vermeiden geht, sondern um das Annehmen. Und wer nur der Wellness hinterherjagt und allem Schweren durch Geld, Versicherungen, Vorsorgen und Weglaufen entkommen will, der lernt GOTT niemals kennen. Leichtsinn und Herbeiprovozieren sind dennoch ein ebenso falscher Weg. Der Mensch muss sich alles, was für ihn ist, einfach nur von GOTT zur rechten Zeit bringen lassen  – und es dann annehmen.

Es besteht keinerlei Grund zur Furcht.