Sonderling.

Heute früh stiefelte ich frohgemut und in allerhöchster Stimmung los in die City. Ich fühlte mich Ihm so nahe, es war wunderbar, und selbst der strömende Regen trug nur noch zu meiner herrlichen Stimmung bei. Das bereits erwähnte Büchlein steigert sich von Kapitel zu Kapitel und ich hatte darin vorher noch gelesen. Jo, ich war wirklich high on emotion.

Bis ich eine Bekannte traf…

Es ist wirklich kaum fassbar, wie schnell die Ego-Automatismen ab und zu noch anspringen. Wir waren im Gesprächsverlauf rasch bei gemeinsamen alten Bekannten und wir plauderten wirklich witzig, und Ego lief unversehens zur Witzigkeit in Person auf und schoss eine Story über einen ehemaligen Nachbarn raus, die denjenigen in keinem allzu guten Licht dastehen liess. Zwar ist es wirklich so passiert, vor einigen Jahren war es, doch das mildert nicht den Schlag ab. Den ich meinem LEHRER damit verpasst habe.

Wieso Ihm? magst du fragen. Nun, eine meiner täglichen Übungen ist oder soll zumindest sein, Ihn in allen zu sehen. Und das ist extra schwer, wirklich. Manchmal fürchte ich, ich schaffe das nie!

Ich bin seitdem kleingebügelt und es tut mir unendlich Leid, wirklich fürchterlich. Ich habe Regel No. 1 gebrochen: Mind your OWN business. (und nur das und nichts anderes). Und ich habe Regel No. 250 (oder so) gebrochen: Was vergangen ist, ist vorbei (und vor GOTT vergeben). Dass ich mir selbst nun auch noch Vorwürfe mache, bricht Regel No. 250 Teil 2, die da lautet: Und das gilt auch für mich selbst.

Dennoch ist Manöverkritik in gesundem Ausmass wichtig. Wenn ich mir die Szene von hier aus anschaue, wundert es mich, wie ich in diesem einen Augenblick katapultartig ins totale Unbewusstsein fliegen konnte, wo ich nicht mehr an Ihn gedacht habe. Unfasslich. Natürlich ist Ego angesichts der an zwei Händen abzählbaren Bekannten (von engen Freunden reden wir lieber gar nicht) darauf erpicht, die gesellschaftlichen Bande zum Rest der Menschheit nicht ganz abreissen zu lassen. Und wenn ich der Bekannten erwidert hätte, dass ich nicht mehr über Dritte reden will, dann wäre ich natürlich, wieder einmal, raus gewesen. Denn ich hätte ihr einen Spiegel vorgehalten.

Sonderling. Die ist auf einem religiösen/esoterischen Trip/ in einer Sekte/ sollte sich mal einen Mann suchen/ usw. usf. na ihr kennt das sicher. Ego will das nicht riskieren. Es ging mehr ums Dazugehören als darum, dem armen Bekannten von früher eins auszuwischen. Ego will nicht einsam enden, das ist eine beliebte Befürchtung auf dem WEG. Ich muss lernen, das zu riskieren, um Seinetwillen. Er wird mir natürlich dabei helfen. Also: die nächste Gelegenheit kommt bestimmt.

Es ist auf dem WEG erforderlich, permanent am Tor Wache zu stehen und immer in Seiner Präsenz zu bleiben, mit allen Konsequenzen für das schillernde Leben in der Welt zwischen untrainierten Egos. Ich jedoch will trainieren, ich will es lernen. Wie das heutige Beispiel zeigt, sind wir nicht vor Ausrutschern gefeit. Sie werden durchgewunken, zu Demonstrationszwecken. Er weiss genau, was Er tut.

Wer wirklich ernsthaft bei der Sache bleibt, wird ans Ziel kommen, zweifellos.

Ach, wie romantisch das Leben doch mit einem Seelendual ist! (Ironie aus.) Soviel dazu.