Eltern der Kindheit vs. GOTT, Folge 743

Pünktlich zum Urlaub kam ein Buch mit der Post, das ich vor Wochenenen in UK bestellt und schon ganz vergessen hatte. In dem Buch gehe es, so glaubte ich, um das listening prayer in dem Sinne der schriftlichen Dialoge, die ich hier im Blog bereits erwähnt habe, und darum, wie wir GOTTES Botschaften im Alltag finden und wahrnehmen können. Doch es ging aus irgendeinem Grund um das, was ich durch den enormen Stress der vergangenen Monate in den Hintergrund geschoben hatte: Kontemplation. Spätestens als relativ zu Beginn dieses Buches das Bild des Hirten mit dem Lamm auf dem Arm auftauchte, war ich am Haken. Das ist mein Buch, so wusste ich. Nun wird es also ernst, dachte ich, und freute mich auf mein morgendliches Stillsitzen noch mehr als sonst. Ich schlummerte in einer Seligkeit ein, die ihresgleichen sucht, erfüllt von Vorfreude und Präsenz.

Und begegnete in aller Früh anlässlich meiner Stillen Zeit jemandem, dem ich nicht mehr begegnen wollte: dem Vater der Kindheit. Oder vielmehr, der Androhung, er werde kommen… Schon bevor ich in meiner Zimmerecke Platz nahm, spürte ich einen widersinnigen Fluchtinstinkt, den ich aus Erfahrung ignorierte. ER würde damit schon verfahren, dachte ich. Und jo, ER tat es.

Aus freudiger Erwartung, dass GOTT sich zu mir gesellen würde, wurde die Furcht eines Kindergartenkindes, das von seiner verpeilten Mutter die Worte hören muss: Warte nur, wenn Papa nach Hause kommt! und: Lass das nicht Papa sehen, wenn er nach Hause kommt! Das Gefühl dieser schwebenden Erwartung des Unausgesprochenen, was dann passieren mochte, wenn er mich sieht, weil ich mich schuldig gemacht hatte, war mir so präsent wie wenn die Jahrzehnte dazwischen nicht gewesen wären. Ich muss dazu anmerken, dass ich ein extrem braves Kind war und mich heute ernsthaft frage, was so schlimm gewesen sein sollte, dass diese Frau so ein Theater daraus gemacht hat. Nun, es war natürlich mehr ihre eigene Angst vor ihm, die sie mir in die Schuhe schob.

Die Erwartung dass der Vater kommt und sieht, was ich verbrochen habe, war überall. Es schob sich vor GOTT. Der ganz anders ist, was der Kopf weiss und das HERZ auch, doch das Kind da drin noch nicht… Eine schwebende Erwartung von Bestrafung, von Beschämung, von Gesehenwerden, was nicht gesehen werden darf. Eine schwebende Erwartung seiner Enttäuschung über mich. Das Gefühl schuldig zu sein.

Natürlich ist die Erziehung der katholischen Kirche nicht ganz unschuldig an der Misere. Auch dort schwebte immer die latente Bestrafung durch einen zürnenden Gott über den Weihwassern der grossen lauten dunklen kalten Kirche mit ihrem kalten Fussboden und dem gruseligen Hall. Einer Kirche, in der ein Kind schweigen musste und sich nicht umdrehen durfte. Weder durfte man gehen wann man wollte, noch sitzen wann man wollte. Und man musste zur Beichte, und ich erinnere mich, dass meine Mutter und ich uns einen Text überlegten, damit ich dem Priester irgendwas erzählen konnte. Aber sonst hätte ich an der Kinderkommunion nicht teilnehmen können (wir waren damals erst sechs Jahre alt als das dran war). Ich fand die Besuche der Kirche mit meiner Kindergartengruppe furchtbar, und ich erinnere mich, dass ich nackte Angst hatte, etwas falsch zu machen. Wenn man mit dem Fuss versehentlich an die Kniebänke stiess, machte das in dem hohen hallenden Gemäuer einen Heidenlärm. Es war für mich hochnotpeinlich, alles dort.

Heute früh sass ich wieder in meiner Kindergartengruppe und es hingen wegen des bevorstehenden Weihnachtsfestes Fensterbilder an den Scheiben, die wir gebastelt hatten: schwarzes Tonpapier und in den ausgeschnittenen Aussparungen buntes Transparentpapier. Ich sah das Motiv einer Kerze in einem der Bilder. Ich sah das alles vor mir so deutlich, wie ich jetzt diesen Bildschirm vor mir sehe.  Und es schwebte die Erwartung dessen, der da kommt, über uns allen. Ich nahm Weihnachten als etwas viel zu Heiliges wahr, das mit grossem Prunk und hohen Toren zu tun hatte und vor dem ein kleines Mädchen verlorenging. Ich erinnere mich kaum an irgendein Weihnachtsfest bei uns zu Hause. Weil es ausser Essen und Geschenke auspacken nichts gab?

Meine Tochter lenkte ich bewusst auf die evangelische Kirche um: eine kleine weisse lustige helle Kirche, in der es locker zuging und wo ich mich tausend Mal wohler fühlte. Dort wurde in meiner eigenen selbstgegründeten Familie getauft und geheiratet und konfirmiert. Ich bin heilfroh, dieser üblen dunklen katholischen Trutzburg den Rücken gekehrt zu haben.

Auch begriff ich heute früh, warum ich jahrelang während meiner Ehe pünktlich um 17 Uhr Bauchkrämpfe bekam, wenn mein Mann Feierabend hatte. Das war die Zeit, wenn auch mein Kindheitsvater heimkam. So lebendig ist das innere Kind, und wir müssen sehr genau beobachten, was wir unseren eigenen Kindern erzählen und wie – und warum, um solchen Mumpitz zu vermeiden.

Nun sah ich mich heute früh also zunächst mit diesen Restblockaden konfrontiert, die die freudige Erwartung GOTTES zunichtemachten. ER hatte den üblichen Scheinwerfer darauf gerichtet, was mich hoffen lässt, dass es beim nächsten Mal erfreulich anders werden kann …