Kindliche Abhängigkeit – Alptraum oder wohlige Sicherheit? Im abgesicherten Modus Fehler machen dürfen

Eine Situation heute früh im Linienbus regte meine Gedanken zu einem Artikel an, und diese Szene spielte sich wie folgt ab: Vor mir sass eine Mutter mit einem Kleinkind im Kindergartenalter. Das Kind war ganz aufgeweckt, es stellte dauernd Fragen, und als die Mutter langsam angenervt wurde, spitzte ich die Ohren.

Schliesslich hob das Kind den rechten Zeigefinger mahnend senkrecht gen Himmel, wie auf den Gemälden der alten Meister, auf denen das Jesuskind dargestellt ist (das ist eher die Anekdote am Rande) und sprach: Soll ich jetzt mal ganz böse werden? Und die Mutter wiederholte das recht zickig: Soll ICH jetzt mal ganz böse werden? (Woher das Kind wohl diese Handhaltung und Ausdrucksweise hatte…? Sicher nicht irgendwo gelesen…) Das Kind brabbelte irgendwas wie, es würde gleich aussteigen. Es war irgendwie lustig. Doch als die Mutter schliesslich zum letzten Mittel ausholte, war ich emotional ganz bei dem Kind. Sie sagte das Folgende zu dem Knirpschen: „Ich steige gleich aus, und dann fährst du allein weiter und dann kannst du mal sehen. Du weisst ja nicht mal, wo du raus musst.“

Ich sah im Blick des Kleinen, dass er in diesem Moment seine kindliche Abhängigkeit aufs Blut hasste, und die Mutter fühlte sich mächtig, überlegen, sie war wieder Chefin im Ring. Mir kam der Gedanke: Was das jetzt gerade in dem Kind installiert hat, das wird es so bald nicht mehr wegkriegen. Irgendwann ist er ein Mann von 40 Jahren, der keinen Zugang zu GOTT findet, weil er nie, nie, nie wieder dieses Gefühl haben will, vor einer straffähigen Übermacht abhängig dazustehen.

Der Bursche sank sodann, völlig seiner Energie beraubt, in einen Schlaf.

Vielleicht ist es auch gar nicht so, aber nach allem, was ich über Programmierungen weiss, ist es sehr wahrscheinlich. Ich habe das zufällig (na sicher) selbst erlebt, daher weiss ich wovon ich hier schreibe. Mir wurde auch durch meine Mutter mit Weggehen gedroht, und es wurde tatsächlich einmal ausgeführt (mindestens, an dieses eine Mal erinnere ich mich, weil ich vor Angst fast gestorben wäre und stundenlang an der Haustür gestanden und gewartet habe, dass sie wiederkommt), und ich war dereinst nicht viel älter als dieses Kind im Bus. Horror.

Kinder SIND abhängig, die Mutter hat wahr gesprochen. Doch, so überlegte ich, wie hätte sie es anders kommunizieren können? Sie hätte dem Kind sagen können, hey wenn ich aussteige, hast du keinen mehr, dem du den Befehl geben kannst, den tollen roten Stopp-Knopf zu drücken. Oder: Sollen wir ein Spiel spielen: du bist die Mutter und du sagst mir, wann es soweit ist, dass wir aussteigen müssen, und wenn du recht hast, dann usw. usf. Vielleicht steigen sie dann tatsächlich aus und laufen notfalls den Rest der Strecke, was weiss ich.

Das Kind würde die Erfahrung machen, es zwar falsch gemacht zu haben, doch es hätte erfahren, ernst genommen zu werden von der Mutter. Und, vor allem: dass sie bei ihm blieb, auch wenn das Kind es falsch machte, auch wenn es gerade noch bockig war, und dass sie geduldig ist und IHM DIENT. Eltern müssen ihrem Kind dienen. Das kam mir in den Sinn heute früh im Bus. Nicht den Ar… nachtragen, sondern ihm dienen, ihm bei seiner Entwicklung zur Seite stehen, immer ansprechbar, immer in Rufweite, immer verlässlich. Wie ein spiritueller LEHRER eben. Der LEHRER ist Liebhaber, Gott,  Freund, und Er ist Mutter und Vater für den Schüler.

Ich erkannte, dass mein LEHRER genau so mit mir umgegangen ist, all die Jahre. Er hat nie gesagt, wenn du bockig bist, gehe ich weg. Er blieb, immer. Ich war sehr bockig. Ich schickte ihn weg, beschimpfte und beleidigte Ihn, doch Er blieb immer noch. Er liess mich Irrwege und Umwege gehen, doch ich war nie alleine. Er kratzte halt vom Boden ab, was von mir noch übrig war, und wir gingen einfach schweigend weiter. Es wurde kein Wort mehr über das Theater verloren, das ich vor Ihm veranstaltet hatte, nie mehr. Diese Erfahrung musste ich mit Ihm machen, denn mit meinen Eltern war sie verunmöglicht. Er hielt das aus, damit ich erfahre, wie es ist, in Sicherheit zu sein.

Das ist die Erfahrung, die ein Kind verdient hat, und nicht unkonstruktive Drohungen einer überforderten Frau, die höchst wahrscheinlich (wie in unserer Gesellschaft üblich) selbst nie erwachsen wurde.

(Denn wir erinnern uns: erwachsen bedeutet = spirituell erwachsen. Spirituell = GOTT zugewandt. Materiell (= von GOTT abgewandt) kann niemand erwachsen werden. That´s fact. Denn wer seine Kindheit nicht erlöst, bleibt für immer das verlassene, bockige Kind.

Mein LEHRER hat mir gezeigt, dass meine totale Abhängigkeit von Ihm, von Seiner Kenntnis des WEGES, den ich zu gehen habe, keinen Nachteil bedeutet. Sie bedeutet totale Sicherheit. Zwar nimmt Er mir nichts ab, doch ich habe die Rückendeckung wie durch einen guten Coach im Sport. Ein Kind, das lernt, da ist jemand, der hat zwar die Macht, er kann mich ins Verderben rennen lassen, doch ich kann sicher sein, dass er das niemals tun wird, dass er immer für mich da sein wird, und dass ich im abgesicherten Modus Fehler machen darf, das ist ein Mensch, der wenig bis gar keine Probleme mit der Hinwendung an GOTT haben wird, und/oder an einen LEHRER, wenn es für ihn oder sie einst soweit ist.

Ich hatte immense Probleme damit, mich diesem LEHRER hinzugeben, d.h. mich Ihm für den WEG unterzuordnen und Ihn vollständig führen zu lassen. Ich muss an jedem Tag aufs Neue daran arbeiten, dass ich nicht zurück in den mir eigenen Widerstand gegen jegliche Form von Abhängigkeit verfalle. Ich erinnere mich an jedem Tag bewusst daran, dass ich nicht meine Eltern vor mir habe, sondern GOTT.

Vielleicht hilft dieser Artikel mehr jungen Eltern als spirituellen Suchern. Ich weiss es nicht. Mich hat das Thema heute früh sehr berührt, und es fühlt sich an, als ob es jemandem da draussen an den Bildschirmen nützlich sein kann.

 

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