Verzicht und Aufgeben – müssen oder wollen?

Wenn Leute, die mich erst seit gestern kennen, erfahren, dass ich nicht fernsehe, kein Fleisch esse, weder rauche noch saufe noch kiffe, seit 13 Jahren (heute auf den Tag genau übrigens) allein lebe, kein Auto besitze und völlig nachrichtenfrei durchs Leben gehe, sehen sich mich spöttisch bis bemitleidend an und denken vermutlich oder sagen es sogar laut, dass ich ihnen Leid tue.

Wenn wir diese Redewendung einmal genau untersuchen, zeigt sich, dass sie durch das Anschauen meines unüblichen Verhaltens mit ihrem eigenen Leid konfrontiert werden, nicht mit meinem, denn ich leide nicht unter dem Verzicht, wie sie es nennen würden. Vielleicht nennen sie es auch Verlust oder Armut. Jemand riet mir einmal, ich müsse doch am Leben teilnehmen. Was er meinte war: an ihrem Wahnsinn teilnehmen, damit ich ihnen nicht dauernd schmerzhaft demonstriere, dass es nicht nur anders geht, sondern es einem anders auch noch wesentlich besser geht. Es wäre leichter für sie, wenn ich mit in ihre Tröten tröten würde, doch ich spiele ein anderes Instrument, oder besser, ich werde gespielt. Welcher Geiger hat uns in der Hand … na ihr kennt das Gedicht sicher.

Wer mich wiederum vorgestern schon kannte weiss, dass ich wahrlich früher ein anderes Leben geführt habe, in dem all die oben aufgezählten Laster vorkamen – als ich noch nicht wusste, dass Mister GOTT für mich etwas ganz anderes geplant hatte, was noch kommen wollte, und es kam.

Nun ist es nicht so, dass auf dem WEG angestrengter Verzicht geübt werden muss, der schmerzt und einem das Gefühl gibt, dass etwas fehle, obwohl die Masse das natürlich so sieht. Die katholische Kirche, die dafür berühmt ist, dem CHRISTUS dauernd hier und dort einen Bärendienst zu erweisen, oh das habe ich nett ausgedrückt, hat mit den Früchten ihrer Ansichten und Regeln traurig zu der Ansicht beigetragen, namentlich durch irgendwelche einseitig extremen Asketen und lustfeindliche alte Typen. Damit hat sich leider im Massenbewusstsein ein Bild geprägt, dass „den Christenmenschen“ als armen Verzichter, Verlierer und Märtyrer propagiert.

Es geschieht jedoch genau andersherum: Weil eben nichts mehr fehlt, weil ein solcher Überfluss an GOTT vorhanden ist, dass die oben aufgezählten unwichtigen Angewohnheiten von selbst ihre Attraktivität verlieren, deshalb ist es leicht und selbstverständlich, es zu lassen. Es gibt einen tollen Buchtitel des ansonsten aus meiner Sicht nicht völlig uneingeschränkt empfehlenswerten Autors Anselm Grün, der da lautet: Alles lassen, weil ER mich nicht lässt. Ich weiss nicht, was Herr Grün privat so denkt und tut, doch für mein Leben kann ich sprechen, und hier ist das der Grundsatz allen Denkens und Handelns. Nicht, weil ich mich dazu zwinge. Nicht, weil ER mich zwingt, ER zwingt niemals jemanden zu irgendetwas. Nicht, weil irgendein Altes Testament mein Leben mit Verboten einschränkt oder weil ich Angst vor dem sagenumwobenen Jüngsten Gericht hätte. Dieses findet bereits tagtäglich in jedem Leben statt, es heisst innewohnendes Gewissen und ist ein wichtiges Instrument des CHRISTUS. Das angedrohte Fegefeuer, mit dem der Papst seine Meute gefügig hielt und sicher noch hält, ist das Feuer der Reinigung, auch Kundalini genannt, und es ist tagtäglich aktiv. Nur wird den Leuten niemals erklärt, dass Himmel und Hölle Seinszustände sind und nicht Orte irgendwo unten und oben jenseits der Weltbühne. Dadurch entgeht ihnen die spirituelle Entwicklung. Fast könnte ich meinen, da stecke Absicht dahinter. Jeder möge sich selbst ein Urteil bilden, das ist wichtig.

Das Lassenwollen geschieht stattdessen vollautomatisch durch die innere Reinigung und Festigung (das Wort rutschte gerade in den Satz herunter). Nur die schwachen Egos brauchen Kicks. Die SEELE nicht. Wer sagt den Menschen, dass es auf ihre SEELE ankommt?

Ich habe schlicht mein Interesse an den sog. Kicks verloren, denn sie können dem Erleben mit IHM nicht das Wasser reichen, sie berühren nicht einmal die Nähe seines untersten äussersten Erlebensrandes. Es ist unbeschreiblich erfüllender, dieses neue Er-Leben, und leider weiss das nur, wer es er-lebt. Es kann nicht beschrieben werden. „Was machst du denn den ganzen Abend, wenn du nicht fernsiehst??“ Was soll ich darauf antworten? Allein eine solche Frage zu stellen … Ich sage: Lesen, stricken, Musik hören. Und ernte seltsame Blicke von Leuten, die sich auf der Stelle einen aus ihrer Sicht turbolangeweiligen Abend ausmalen. Stille erleben, an GOTT denken, mit GOTT sprechen – das sage ich schon gar nicht jedem. Es würde auch nicht auf Gehör treffen.

Die Leute, die so etwas fragen, haben schlicht und einfach den Vergleich nicht. Deshalb kann ich nur für die Menschen schreiben, die ES auch erleben, in welcher Intensitätsstufe auch immer sie sich gerade befinden. Wer nur das weltliche Zeugs kennt, muss mich für eine arme Person halten, das ist verständlich.

ER lässt uns zunächst durch alle weltlichen Irrwege watscheln, damit wir wissen, was wir zurücklassen. Jemand, der das Profane aus Angst von vornherein umgehen will und immer brav zu Hause betet und die Füsse parallel unter den Tisch stellt, der vermeidet LEBEN. Das wird nicht von GOTT belohnt.

Wenn du die Irrwege nicht kennst, wie sollst du den Wert des Lassens erleben? Doch nun loszurennen und lasterhaft zu leben, weil dies alles in diesem Artikel steht, ist gleichfalls blödsinnig. Du musst du selbst sein, immer, zu jeder Zeit, und das tun, was gerade dran ist.

Also gilt es, sich keine Vorwürfe zu machen, dass es früher so ein lasterhaftes Leben war und dass wir es damals nicht besser wussten. Nun, ich für mein Teil habe es wirklich genossen und mir deswegen nach CHRISTUS auch nie Vorwürfe gemacht. Es war auf seine Weise eine tolle Zeit, doch ich tausche das, was ich heute erlebe, nie nie nie mehr dagegen ein. Selbst wenn das möglich wäre.

Ist es nicht.

 

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